Die meisten Unternehmensberichte werden von Analysten verfasst, die in London und New York hinter ihren Bildschirmen sitzen und kaum je die ihnen vertraute Welt verlassen. Deshalb verwundert es kaum, dass Apple in diesen Kreisen als grandioses Investment betrachtet wird. Das Plus von 25 % allein im Jahr 2014 ist eindrücklich. Apple ist zweifelsohne ein Wall Street Liebling. Vielleicht auch deshalb, weil sie unweit von ihren Büros schon menschengefüllte Verkaufsstätten wie an der Fifth Avenue in New York oder über Bloomberg TV in der IFC Mall in Hong Kong gesehen haben. Möglicherweise wird auch noch Samsung empfohlen, doch bereits mit weniger Emotionen. In die detaillierten Verkaufszahlen lassen sich die Südkoreaner ohnehin nicht blicken. Andere wiederum glauben gar nicht erst an den Erfolg des analytischen Denkens und investieren statt in einzelne Titel passiv in ein Anlageprodukt, das gleich die ganze Branche umfasst. Und so kommt es, dass man plötzlich auch noch Aktien von Nokia, HTC, Lenovo und Blackberry im Depot hat.
Der grosse Mangel an diesem Vorgehen ist, dass man nur das Sichtbare analysiert. Die Titanic wäre nicht untergegangen, hätte der Kapitän den ganzen Eisberg gesehen. Die Finanzmarktanalyse basiert auf Transparenz. Aber was ist, wenn der Marktleader unsichtbar im Stillen wirkt? Vielleicht ist er gar nicht kotiert, verweist alle anderen auf die Ehrenplätze und macht sie zu Marktanteilsverlierern. Eines ist gewiss: Die Bildschirmanalysten merken dies immer zu spät.
Zahlreiche «Stars» in der Unternehmenswelt sind derart solide finanziert, dass sie nicht auf den Kapitalmarkt angewiesen sind. Entsprechend verschwiegen sind sie. Es handelt sich oftmals um solide, über Generationen hinweg weitsichtig handelnde Familienunternehmen. Manch ein Investor wäre froh, könnte er sich an deren Entwicklung beteiligen. Aber sie werden in privaten Händen gehalten und dort umsichtig weiterentwickelt. Der Süsswaren-Dominator Mars (u.a. mit Milky Way, Snickers, Bounty, aber auch Uncle Ben’s Reis und Whiskas Katzenfutter), der Befestigungstechniker Hilti und der Schraubenkönig Würth zählen dazu. Sicher auch der Uhrenkonzern Rolex, der sich mit seiner Zweitmarke Tudor gegen Omega und andere Marken abzusichern versucht.
Manchmal haben auch solche Unternehmen Finanzierungsbedürfnisse. Dann wird das Wachstum vielfach über privates Beteiligungskapital (sogenanntes Private Equity) finanziert. Oder auch der Abzug von der Börse, um sich fern vom voyeuristischen Quartalsblick auf das wirklich zentrale, den Kundennutzen, mit letzter Konsequenz zu fokussieren. Mit Private Equity ist der Ketchup-Weltmarktführer Heinz vom Aktienuniversum verschwunden, um fernab des Börsenlärms noch viel grösser und stärker zu werden.
Logo von Xiaomi
Wer kein Private Equity in seinem Depot hat, erleidet einen Diversifikations- und Renditeverlust. Wer sich nur auf kotierte Aktien konzentriert, lässt Chancen aus. Als jüngstes Beispiel zeigt sich das in der Technologiebranche, wo mit viel Private Equity die heutigen Marktführer herausgefordert werden. Alibaba ist im Schatten der Aktienbörsen zu einem Giganten mit Milliardengewinn herangewachsen. Nun, wo die ganz grossen Kapitalgewinne bereits gemacht sind, darf nach dem baldigen Börsengang auch noch die breite Masse investieren. Ein weiteres Beispiel ist Xiaomi. Nicht kotiert. Haben Sie vielleicht deshalb noch nie etwas von dieser Firma gehört? Höchste Zeit, dass Sie sich damit auseinandersetzen, falls Sie nicht bald faule Äpfel aus dem kalifornischen Cupertino in ihrem Aktienkorb halten möchten.
Vor 51 Monaten (!) wurde Xiaomi in China gegründet. Nun ist es bereits Marktführer bei den Smartphones im grössten Absatzmarkt der Welt. Weder das iPhone noch das Galaxy können mithalten. Dabei ist das Gerät nicht nur preiswerter, sondern auch leistungsfähiger. Samsung musste vor kurzem eine Gewinnwarnung melden, derart massiv waren die Marktanteilsverluste an Xiaomi. Der Gründer Lei Jun will seinen unternehmerischen Drive nicht mit Gesprächen mit Finanzanalysten verzetteln. Viel lieber kümmert er sich um die Kunden von heute und morgen. Die Expansion nach Indien und Brasilien steht an. Märkte, in denen Apple-Läden reine Luxuswelt verkörpern. Vielleicht wie das Halten von Apple-Aktien, denn in China lassen sich selbst Fälschungen vom iPhone nicht mehr absetzen. Der wirkliche Hit heisst Xiaomi, aber das erfährt Ihr Anlageberater nur, wenn er seinen Bürosessel für einmal mit einer Reise nach Asien tauscht.
Interesse geweckt? Lesen Sie weiter – Die Kolumne von Prof. Dr. Mauric Pedergnana in der Neuen Luzerner Zeitung finden Sie hier.
Maurice Pedergnana (49) – Chefökonom und geschäftsführender Partner der Zugerberg Finanz AG, Professor an der Hochschule Luzern – ist gerade zurückgekehrt von einer zweiwöchigen Reise nach Indien, Hong Kong und China mit rund 20 Investoren und Bankern. Im Sommer 2015 findet die nächste Reise in diese Länder statt, organisiert von der Hochschule Luzern – Wirtschaft. Auch für die Kundschaft der Zugerberg Finanz AG – zu Sonderkonditionen.