Der Schweizer Aktienmarkt gilt als defensiver Markt, folgt nicht gleich jeder Euphorie, rattert aber auch nicht aufgrund einer schlechten Wirtschaftsnachricht gleich in den Keller. Vielmehr besteht er aus drei Index-Schwergewichten und einer Reihe von Perlen. Eine davon ist Sika, und die sorgte mit einer spektakulären Übernahme für Schlagzeilen. Letztlich schloss der Swiss Market Index vergangene Woche bei 12’516 Punkten (+1.6%). Mittlerweile liegt er 16.9% höher als zu Jahresbeginn. Dennoch sorgt dies nicht für Höhenangst, weil sich die Unternehmensgewinne parallel dazu eindrücklich entwickelt haben.
Die Bauchemikaliengruppe Sika (+11% in der vergangenen Woche) macht mit der Übernahme von MBCC einen riesigen Schritt vorwärts. Sika ist bekannt für ihre raschen und überzeugenden Integrationsschritte. Das bewies sie nicht nur mit einer Vielzahl kleinerer Akquisitionen, sondern auch bei der Übernahme des grossen französischen Mörtelherstellers Parex anfangs 2019. MBCC-Verkäuferin ist die Private Equity Gesellschaft Lone Star, welche sich die ehemalige Evonik-Vorgängerin Degussa Bauchemie, welche zur BASF Bauchemiesparte wurde, vor zwei Jahren für 3.2 Milliarden Euro sicherte. Unter den Fittichen des Ludwigshafener Chemiekonzerns entwickelte sich die «randständige» Bauchemie aber nicht sonderlich gut. Sika gehörte schon damals zum Kreis der Kaufinteressenten, zog jedoch mit Parex ein anderes Akquisitionsziel vor.
Lone Star musste das Herausschälen aus dem BASF Konzern («Carveout») vornehmen und leitete massgebliche Verbesserungsschritte ein – mit hohem Tempo, wie das in der von rasch getakteten Meilensteinen geprägten Private Equity Branche üblich ist. Es wurden sinnvolle kleinere Akquisitionen getätigt und die Profitabilität erhöht. Nun hat Lone Star die Gesellschaft für 5.2 Milliarden Euro mit Sika an jenen Partner weiterverkauft, der am fähigsten ist, das weitere Potenzial vollumfänglich auszuschöpfen. Weil der strategische und operative Mehrwert für Sika am grössten ist, war die Zuger Firma auch bereit, den höchsten Preis für die Mannheimer Firma zu bezahlen.
«Jetzt findet die Gesellschaft ihre Heimat in einem Unternehmen, in dem die Bauchemie das Kerngeschäft ist», lässt sich Sika-Chef Thomas Hasler zitieren. Nebenbei erfreut dies auch SAP. Der Sika-Konzern baut das gesamte Management Controlling und Reporting auf SAP auf, was der Firmenleitung jederzeit einen Echtzeit-Einblick in das Integrationsgeschehen vermittelt. Nach der Übernahme, die im zweiten Halbjahr 2022 unter Dach und Fach sein soll, dürfte der Jahresumsatz von Sika derart stark ansteigen, dass es zum mit Abstand grössten Bauchemiekonzern der Welt wird. Weiter wird Sika vom Trend zu klimafreundlicheren Lösungen in der Bauindustrie profitieren, weshalb bis zum Ende dieses Jahrzehnts noch mit stark steigenden Gewinnen gerechnet werden kann.
Die Wirtschaftsstimmung im Euroraum hat sich im November nach drei Rückgängen in Folge gebessert. Gegenüber dem Vormonat stieg der Sentix-Konjunkturindikator auf 18.3 Punkte (+1.4). Es ist der erste Anstieg seit Juli. Während die Lagebewertung erneut zurückging, hellte sich ihre Erwartungshaltung für die kommenden sechs Monate auf. Das zeigte sich auch im Anstieg des Index der ZEW-Konjunkturerwartungen auf 31.7 Punkte (+9.4). Die Lieferkettenproblematiken werden an Bedeutung verlieren.
Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip Lane, sieht trotz zuletzt gestiegener Teuerungsraten keinen Anlass für ein rasches Ende der Anleihekäufe der Notenbank. Der Euroraum sei «noch lange nicht in einer Situation (…), in der wir die Ankäufe von Vermögenswerten beenden», lässt er sich zitieren. Er betonte: «Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass wir dafür sorgen werden, dass Europa einen kräftigen Aufschwung erlebt und dass dieser Aufschwung nicht durch eine unnötige Verschärfung der Finanzierungskosten zum Entgleisen gebracht wird.»
Im Gegensatz zu den USA sind die Inflationsraten in Europa tief. In Griechenland, wo die Energiepreise staatlich gedeckelt sind, liegt die Inflation bei 0%, in der Schweiz bei 1%, in Schweden bei 2%. Je nach Messmethode kann auch mal eine 3 oder eine 4 vorliegen, doch das ist vorübergehend. Was die Anleger überzeugt, ist das zugrundeliegende Wachstum und der Nachfrageboom, der derzeit in Europa stärker ausfällt als in den USA.
Es zeichnen sich bei der Mehrheit unserer Aktienanlagen überraschend solide Margen- und Gewinnentwicklungen sowie Dividendenerhöhungen ab. Den Start machte die Deutsche Telekom, unser Favorit in der europäischen Telekommunikation. Seit Jahresbeginn hängt er seine Konkurrenten wie Vodafone, Telecom Italia und Swisscom ab und kündigte nach einem überzeugenden Quartalsergebnis fürs Frühjahr bereits eine Dividendenerhöhung von 6.7% an.
Ohne Glamour zu neuen Rekordhöhen
Am sogenannten «Singles’ Day», dem tagelang andauernden Rabattfestival auf der E-Commerce-Plattform von Alibaba, hat der chinesische Konzern einen neuen Rekord erzielt: Es wurden Waren im Wert von 78 Milliarden Franken verkauft, 8.4% mehr als im Vorjahr.
Der Aktienpreis reagiert derzeit nicht auf derlei Nachrichten. Seit Chinas Internetkonzerne wie Alibaba und Tencent im Fadenkreuz der Regierung sind, will man die Umsatzerfolge nicht laut feiern. Die typische Pressekonferenz am Tag danach fiel in diesem Jahr aus, ebenso die Berichte über exzessiven Konsumerismus. Bereits vorgängig wurden die Rabattaktionen auf Geheiss der chinesischen Staatsführung nicht stark beworben. Dennoch wurden am jüngsten (und weltweit grössten) Shoppingfestival neue Rekordvolumina erzielt. Das ist die wahrhaft starke Nachricht der Unternehmen Alibaba und Tencent, die auf vielen zukunftsträchtigen Gebieten wie Cloud Business, Big Data, Artifical Intelligence zu den führenden Adressen weltweit zählen.
Derzeit darf nichts davon ablenken, dass der amtierende chinesische Parteichef und Staatspräsident Xi Jinping zum grossen Steuermann in der chinesischen Entwicklung gehievt wurde. Der neue Titel «Steuermann» war bislang Mao Tse-tung vorbehalten und ist Teil einer Choreographie zur Inthronisation von Xi als unangefochtener Partei-, Staats- und Armeechef für die nächsten Jahre. Alles andere sind chinesische «Non-Events».
Herzlich,
Maurice Pedergnana