Der Swiss Market Index (SMI) setzte seinen Aufwärtstrend in der vergangenen Woche fort und rückte um weitere 100 Punkte oder 1.0% auf 10539 Punkte vor. Damit ging der SMI nicht nur auf dem höchsten Wochenend-Niveau seit Februar aus dem Handel. Er erreichte am Freitag bei 10587 Punkten auch ein neues Erholungshoch. Dagegen setzte sich der Rückgang der US-Aktien fort. Am stärksten betroffen waren IT-Schwergewichte wie Apple, Amazon und Google, die zuletzt 15% bis 20% unter ihren Höchstwerten lagen.
Angetrieben wurde der Schweizer Markt zunächst von ermutigenden Konjunkturdaten aus China und Deutschland. In der Eurozone nimmt die Bautätigkeit zu, insbesondere im privaten Bereich, und zwar von der Ostsee bis Portugal. Das ist eine konkrete Folge der tiefen Zinsen.
Die Zinsen dürften noch einige Jahre tief bleiben. Wie erwartet hat die US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) am vergangenen Mittwoch erläutert, dass sie den Zins noch für viele Jahre nicht verändern werden. Die Fed ändert die Geldpolitik grundlegend, und die Leitlinien der künftigen Geldpolitik werden in ein neues Korsett verpackt. Es gelten neue, extrem hohe Massstäbe, bis die Fed überhaupt erwägen wird, die Zinsen wieder einmal höher anzusetzen. Mit diesem Vorgehen werden die US-Sparer darauf vorbereitet, wie in Europa auf Sparkonti mit Nullzinsen bis zum Sankt Nimmerleinstag zu rechnen.
Das neue Zinsregime hat jedoch auch positive Effekte, z.B. für Immobilienkäufer, und sorgt für erfreuliche Wirtschaftsdaten. In den USA wird wieder kräftig gebaut. Der Dow Jones Home Construction Index liegt deutlich im Plus, ebenso die Hausverkäufe, die ein Niveau erreichten, wie man es seit einem Jahrzehnt nicht mehr erlebt hat. Die Fed senkte im März die Zinssätze im Rahmen umfassender Krisenmassnahmen auf nahezu Null, wodurch der 30-jährige Hypothekenzinssatz im vergangenen Monat zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten unter 3% fiel.
Die demografischen Veränderungen haben ebenfalls dazu beigetragen, den Verkaufsboom von Immobilien anzukurbeln. Die Millennials, eine Gruppe, die von der Krise wenig betroffen ist, sind jetzt auf dem Markt, um ihr erstes Haus zu kaufen, und die in den Ruhestand gleitenden Babyboomer verkleinern sich von Einfamilienhäusern auf kleinere Häuser.
Auch die Home Office Aktivitäten wirken sich auf den Wohnungsmarkt aus. Manche suchen nach grösseren Häusern in weniger dicht besiedelten Gebieten, und sei dies auch nur vorübergehend. Der US-Immobilienmarkt gilt als besonders anpassungsfähig.
Wer auf die Schweiz, Deutschland oder Amerika schaut, könnte meinen, die Börse kenne kein Corona. Einige Aktienindizes haben sich von ihren scharfen Einbussen im März wesentlich erholt. Der SMI liegt nur noch 6% unter seinem Hoch von Februar, beim deutschen DAX sind es 4% und beim amerikanischen S&P500 gar nur 1% – in US-Dollar. In Schweizer Franken betrachtet notiert der US-Leitindex 8% unter seinem Hoch. Der Weltaktienindex liegt 5% tiefer als zu Jahresbeginn.
Dass es vereinzelten Aktienmärkten verhältnismässig gut geht, ist eine Folge gezielter Anlageentscheidungen. Der Schweizer Börse kommt zugute, dass sie über Gesundheitskonzerne (Roche, Novartis) sowie über Biotech-Unternehmen (Lonza) und über einen Anker wie Nestlé verfügt. In Amerika ist mitunter der grosse Anteil an Technologietiteln ausschlaggebend. Andere Branchen wie Tourismus, Handel und Energie darben, aber diese sind weder in der Schweiz noch in den USA stark gewichtet.
Die deutschen Märkte halten sich ebenfalls gut. Die ins Stocken geratenen Brexit-Verhandlungen und die steigenden Corona-Infektionszahlen konnten die positive Stimmung nicht bremsen. Die Investoren schätzen, wie Deutschland die Krise bewältigt – sowohl was die Krankheit als auch ihre wirtschaftlichen Folgen angeht. Die wirtschaftliche Unsicherheit ist da geringer als anderswo, auch weil Deutschland weniger stark vom Tourismus abhängig ist als Frankreich oder Italien. Es dürfte allerdings noch bis zu drei Jahre dauern, ehe sich die Wirtschaft vollständig erholt hat.
In Frankreich (-9.5% BIP-Erwartung für das laufende Jahr), Italien (-10.5%) und Grossbritannien (-10.1%) dürfte die Wirtschaft laut OECD deutlich stärker schrumpfen als in Deutschland. Der französische Leitindex steht deshalb noch 17% unter seinem Vorkrisenniveau, der britische und der italienische je 22% und der spanische gar 31%. Die lockere Geldpolitik der Zentralbanken spült zwar viel Geld auf die Märkte: Dieses fliesst aber nicht wahllos überall hin.
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Herzlich, Timo Dainese