Wochenbericht 27/2020

Publikationen

Erholungstrend gewinnt im zweiten Halbjahr 2020 an Kraft

Das Epizentrum der Pandemie wanderte von Osten (China) über Europa nach Westen (Amerika). Zweite Wellen konnten in Südkorea und China gezielt bekämpft werden. Das ist inzwischen zunehmend auch in Europa erforderlich. Gewisse Regionen, Branchen und Ethnien verzeichnen offensichtlich Schwierigkeiten, mit den drei wichtigsten Bekämpfungsmitteln (soziale Distanzierung und Hygienemassnahmen sowie «Tracking & Tracing») diszipliniert zur Volksgesundheit und zur wirtschaftlichen Erholung beizutragen. Trotz einiger Superspreader und Hotspots bleiben die geringen Infektionszahlen in der Eurozone insgesamt jedoch eindrücklich tief – insbesondere im Vergleich mit den USA.

Da steigen die Infektionswerte in den Südstaaten der USA sowie in Mittel- und Südamerika fast ungehindert und in einem bedrohlichen Ausmass an. Diese Regionen sind immer noch von der ersten Welle erfasst. Erstaunlich tief bleiben dagegen die rapportierten Todesfälle. In den USA fällt sie von Tag zu Tag und liegt nur noch bei 5% der infizierten Fälle. Dennoch kommen an den Märkten Skepsis gegenüber den gesundheitspolitischen Massnahmen in einzelnen US-Staaten auf, nicht aber gegenüber dem generellen wirtschaftlichen Erholungstrend.

Die Menschen scheinen sich offensichtlich nicht aus ihrer Wirtschaftstätigkeit zurückzuziehen, und die Politiker wollen nicht, dass die Wirtschaft erneut leidet. Der US-Finanzminister Steve Mnuchin hat denn auch verkündet, dass es keinen Shutdown der gesamten US-Wirtschaft geben wird. Der Präsident bestätigte dies per Twitter. Während Donald Trump von Corona bereits in Vergangenheitsform spricht, dürfte es in einzelnen Gliedstaaten wohl noch vermehrt Quarantäneschritte geben, die einzuleiten sind.

Viel Euphorie an den Aktienmärkten ist deshalb nicht festzustellen. Der breite US-amerikanische Aktienindex S&P500 liegt jedenfalls mit rund -7% (in Dollar; -9% in Schweizer Franken) gegenüber dem Jahresbeginn zurück. Er liegt tiefer als der Swiss Market Index (SMI) mit -5.4%. Noch deutlicher zurück liegen der US-amerikanische Dow Jones Index mit -12% (-14% in Schweizer Franken) und der breite Stoxx Europe 600 Index mit -14% (-16% in Schweizer Franken).

Der SMI liegt mit 10’042 Punkten näher bei seinem Jahreshöchst von 11’263 Punkten (19. Februar) als beim Jahrestiefst von 8’160 Punkten (23. März). Dies lässt sich jedoch nicht auf jedes einzelne SMI-Mitglied herunterbrechen. Während sich der Aktienkurs vom Biotech- und Pharmazulieferer Lonza seit Jahresbeginn steil nach oben entwickelt hat (+41%), liegt der Kurs vom soliden, eigenkapitalstarken Lebensversicherer Swiss Life (-29%) noch weit vom Jahresbeginn entfernt.

Thema der Woche: Soll man jetzt noch in Technologieaktien investieren?

Das zweite Quartal 2020 zeigte die starke Anziehungskraft der Technologieaktien. Von 2008 bis 2018 sind wöchentlich netto rund 5 Milliarden Dollar in Technologiefonds geflossen. Dann hat dies mit dem Digitalisierungstrend zugenommen. In der Coronakrise ist die Nachfrage nach Technologieaktien förmlich explodiert. Mitte Mai lagen die wöchentlichen Nettozuflüsse der Technologiefonds bei 68 Milliarden Dollar, also 14mal mehr als im Durchschnitt der vorangegangenen zehn Jahre.

Das meiste Geld davon floss in sechs US-Aktien: Amazon, Google, Apple, Microsoft, Facebook und Netflix. Mittlerweile bilden die globalen Indizes ohnehin nicht mehr die reale Wirtschaft ab. Wer in den Weltaktienindex investiert, wird zu knapp 70% in US-Titel investiert. Der Technologieteil macht inzwischen mehr als die Hälfte des Index aus.

Die Bewertungen sind ins kaum Vorstellbare angestiegen. Apple und Microsoft verfügen über Marktkapitalisierungen von mehr als 1500 Milliarden Dollar. Bei Amazon sind es «nur» 1340 Milliarden Dollar, eine Aktie kostet 2700 Dollar bei einem Gewinn von rund 20 Dollar. Dividende gibt‘s keine, dafür bekommt man einen Anteil an einem global führenden Tech-Unternehmen. Ob sich das auszahlt, wissen wir erst in ferner Zukunft.

Aber nicht alle Perspektiven in der Techbranche sind toll. Twitter und Facebook verfügen über globale Plattformen, mit denen sich rassistische, hetzerische und manipulative Inhalte leicht verbreiten lassen. Die beiden US-Konzerne tun wenig, um gegen Hasskommentare und spalterische Beiträge vorzugehen. Nun hat ihnen Unilever, der Autobauer Honda und die Kaffeehauskette Starbucks das Werbebudget gestrichen. Die smarten Bekleidungshersteller Patagonia und North Face sowie Mobilfunkbetreiber Verizon wollen ebenfalls nicht mehr auf Facebook werben. Mit Procter & Gamble und Coca-Cola erwägen weitere solche Schritte. Auch der auf Nachhaltigkeit bedachte Nestlé überlegt sich dies. Da stellt sich schon die Frage, ob man solche Techtitel im Portfolio halten will. Aus Nachhaltigkeits-Gründen gewiss nicht.

Die wichtigsten Termine in der neuen Woche

30. Juni 2020 China: NBS Einkaufsmanagerindizes Industrie und Dienstleistungen Juni
1. Juli 2020 USA / Deutschland: Entwicklung der Beschäftigungslage Juni
2. Juli 2020 USA / Eurozone: Arbeitslosigkeit und Stundenlohnentwicklung Juni
3. Juli 2020 Eurozone / Vereinigtes Königreich: PMI Dienstleistungen Juni

Kommentar

Morgen endet das erste Halbjahr 2020. Es war voller Überraschungen. Die Wucht der Coronakrise wurde im Februar immer noch unterschätzt. Im März schliesslich brach die Wirtschaftsleistung in vielen Branchen durch den Shutdown ein. Manche Bereiche wie die Luftfahrt und die damit verbundenen Leistungen mussten eine Vollbremse vornehmen. Beim Lufthansa/Swiss Konzern schrumpfte der Flugplan wieder auf die Grösse des Jahres 1955 zurück. Und Rohölpreise fielen ins Bodenlose.

Auch die Autoindustrie litt, und mit ihr der in der Schweiz so wichtige Maschinenbau. Die Hiobsbotschaften nahmen zu; die Prognosen wurden bis im Mai immer düsterer. Beim Stuttgarter Daimler-Konzern schrumpfte der Gewinn um 92%, andere glitten in die Verlustzone. Banken wurden für ihre Kreditvergabe kritisch beäugt. Versicherungstitel wurden abgestossen, weil die Auswirkungen von Betriebsausfallschäden unklar blieben.

Umgekehrt zählen Technologieaktien eindeutig zu den Profiteuren der Krise. Im weltweiten Aktienindex MSCI World liegen die Techtitel seit Jahresbeginn um 14% im Plus und die Industriewerte 15% im Minus. Schlimmer hat es Versicherungen, Banken und Immobiliengesellschaften getroffen. Mit einer Performance von -36% waren die Energieaktien die schlechteste Anlagegruppe in den vergangenen sechs Monaten. Das allmähliche Wiederhochfahren der Wirtschaft sorgte für Entlastung auf dem Arbeitsmarkt, beim Staatshaushalt und auf den Kapitalmärkten. Es wird auch ein Leben nach Corona geben. Davon sind wir noch ein erhebliches Stück entfernt. Mehrere Impfstoffe befinden sich bereits in der ersten Testphase. Dennoch bleibt die Unsicherheit darüber, wie es genau weitergeht. Das führt zu Schwankungen an den Märkten, und zu Kaufgelegenheiten.

Marktdaten

Aktienmärkte Seit 31.12.19
SMI 10'041.9 –5.4%
SPI 12'427.1 –3.2%
DAX € 12'089.4 –8.8%
Euro Stoxx 50 € 3'204.2 –14.4%
S&P 500 $ 3'009.1 –6.9%
Dow Jones $ 25'015.6 –12.3%
MSCI EM $ 998.9 –10.4%
MSCI World $ 2'157.2 –8.5%
Obligationenmärkte Seit 31.12.19
SBI Dom Gov TR 238.0 +1.1%
SBI Dom Non-Gov TR 117.7 –1.5%
Immobilienmärkte Seit 31.12.19
SXI RE Funds 414.3 –5.0%
SXI RE Shares 2'864.4 –12.5%
Rohstoffe Seit 31.12.19
Öl (WTI; $/Bbl.) 38.5 –37.0%
Gold (CHF/kg) 53'968.8 +14.1%
Wechselkurse Seit 31.12.19
EUR/CHF 1.0636 –2.0%
USD/CHF 0.9477 –1.9%
EUR/USD 1.1219 –0.1%
Kurzfristige Zinsen
3M Prog. 3M Prog. 12M
CHF –0.66 −0.8 - −0.6 −0.8 - −0.6
EUR –0.39 −0.5 - −0.2 −0.2 - ±0.0
USD +0.31 +1.0 - +2.0 +1.0 - +2.0
Langfristige Zinsen
10-Jahre Prog. 3M Prog. 12M
CHF –0.43 −0.6 - −0.4 −0.5 - ±0.0
EUR –0.50 −0.5 - −0.1 −0.5 - ±0.0
USD +0.64 +0.3 - +1.0 +0.9 - +1.4
Teuerung
2020P 2021P 2022P
Schweiz –0.5% 100.0% 120.0%
Euroland +0.2% 160.0% 190.0%
USA +0.6% 160.0% 220.0%
Wirtschaft (BIP real)
2020P 2021P 2022P
Schweiz –3.0% 150.0% 150.0%
Euroland –4.0% 180.0% 160.0%
USA –4.0% 220.0% 200.0%
Global –2.5% 300.0% 320.0%
Zurück zu News