Die vergangene Woche beendete der Swiss Market Index (SMI) bei 11’225 Punkten, 4.9% höher als zu Jahresbeginn. Der breite europäische Stoxx Europe 600 Index hat in derselben Periode um 11.4% zugelegt. Aber nicht überall läuft es derart rund. Der US-amerikanische Technologieindex Nasdaq, der im Vorjahr stark gestiegen ist, vermochte dieses Jahr «erst» um 4.5% zuzulegen. Und der chinesische Shanghai Shenzhen 300 Index liegt leicht im Minus (-1.1%). Dagegen legte der indische Aktienmarkt Nifty 50 seit Jahresbeginn 8.7% zu und befindet sich nahezu auf seinem Allzeithoch.
Während sich die Konjunktur in den USA und zusehends auch in Europa in einem Hoch befindet, sorgt die chinesische Führung für eine kontrollierte Abkühlung. Das starke weltwirtschaftliche Wachstum hat die Rohstoffpreise weltweit stark ansteigen lassen. Durch Spekulation wurde die Preisentwicklung noch verschärft, wobei China besonders betroffen war. Deshalb geht nun die chinesische Regierung mit harter Hand vor, um als grösstes rohstoffimportierendes Land der Welt ein Signal zu setzen. In einer Kampagne zur Abkühlung des Rohstoffbooms werden harte Strafen in Aussicht gestellt für sämtliche Verstösse, die von exzessiver Spekulation bis zur Verbreitung von Fake News reichen.
An einem Treffen am Sonntag mit den Unternehmensführern der wichtigsten Metallproduzenten machte die Regierung klar, dass sie «null Toleranz» für Monopole auf den Spot- und Futures-Märkten sowie für Spekulation und Horten zeigen werden. Am Pfingstmontag waren diese Bemühungen auf den Märkten bereits spürbar. Die Preise von Aluminium, Stahl und Eisenerz fielen und befanden sich zuletzt erheblich unter den Höchstkursen der vorangegangenen Wochen.
Das wird auch die europäischen Unternehmen erfreuen, die mit höheren Inputkosten konfrontiert sind. Die Berichtssaison zum ersten Quartal 2021 verlief erfreulich. Im Durchschnitt wurden die Gewinnerwartungen der im Stoxx Europe 600 vertretenen Unternehmen um 13% übertroffen. Vor allem zyklische Werte und Substanztitel vermochten zu überzeugen. Bei 60% der Schweizer Unternehmen wurden die Gewinnschätzungen übertroffen. Deshalb wurden nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa die Gewinnerwartungen für das restliche Jahr deutlich angehoben.
Inzwischen rechnet man in Europa mit einem Gewinnwachstum von 42% im laufenden Jahr und weiteren 11% im kommenden Jahr. Das weckt globales Investoreninteresse. Denn die Substanzwerte sind weiterhin günstig und können in besonderem Ausmass von der postpandemischen Wirtschaftserholung profitieren. Das inkludiert einen Inflationsschutz. Unternehmen wie Nestlé, Unilever und Coca-Cola oder auch Elektrolux haben ihre Absicht kundgetan, die höheren Inputkosten preislich weiterzugeben.
Die Inflation ist derzeit in aller Munde. Weil wir nach einer jahrelangen Phase von stabilen Preisen wohl vergessen haben, was eine preisliche Verteuerung bedeutet. Subjektiv nimmt man wahr, wenn McDonald’s plötzlich den Cheeseburger um 20 Rappen verteuert oder wenn das Coca-Cola Fläschchen beim selben Preis nicht mehr 0.5 dl, sondern nur noch 0.45 dl beinhaltet.
Doch die Sorge ist übertrieben. Die Mieten sind seit Jahren mässig und der zunehmende Leerstand vergrössert den Preisdruck. Vieles, mit dem sich insbesondere die jüngere Bevölkerung beschäftigt, ist günstiger geworden: Kommunikations-Dienstleistungen, Mobiltelefone, Computer. Und wem die Freiheit zu teuer erscheint, zieht sich wieder ins «Hotel Mama» zurück: ein Trend, der sich europaweit beobachten lässt.
Wer gerade ein Haus baut, erlebt dagegen die «Bauinflation». Chinas Wachstum absorbiert derzeit wieder derart viel Stahl, dass sich die je nach Qualität unterschiedlichen Preise gegenüber dem Vorjahr allesamt verteuert haben. Der konjunkturelle Boom in den USA führt zu einem rekordverdächtigen Anstieg beim Neubau von Häusern. Gegenwärtig wird derart viel Holz aus Europa in die USA verkauft, dass sich die Verknappung in bis zu 40% höheren Preisen niederschlägt.
Der Welthandel stieg so rasch an, dass die Container-Frachtraten nur noch eine Richtung kennen. Neue Kapazitäten können nicht so rasch generiert werden. Das erfreut auch den Italiener Gianluigi Aponte, der mit der Schweizerin Rafaela Diamant verheiratet ist und in Genf lebt. Von dort aus steuert er einen der weltgrössten Reederei-Konzerne, die Mediterranean Shipping Company MSC. Sein Geschäft läuft so rund wie noch nie.
Aber die generelle Furcht vor der Inflation ist übertrieben. Aufgrund des Basiseffekts werden wir einen vorübergehenden Anstieg und gegen Jahresende bereits wieder eine Abflachung erfahren. Aber das Positivste erleben die Staaten. Sie haben sich in der Pandemie neu verschuldet und erfahren nun durch die Inflation, dass der reale Schuldenberg kaum zugenommen hat.
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