Die Sorgen um das Coronavirus führten in der vergangenen Woche weltweit zu Kursverlusten. Das galt insbesondere für Unternehmen mit einem starken China-Geschäft. Dass die Geschäfte vorübergehend gedämpft werden, ändert nichts an der Aussicht, dass das Wachstum in die Zukunft verschoben sein dürfte.
Allein die 5G-Technologie erfordert immense Investitionen. Was jetzt nicht gerade an Bestellung ausgelöst wird (und Lagerbestände abgebaut werden), wird im Laufe des Frühjahrs mit umso höheren Bestellungen kompensiert. So war das immer, wenn eine Grippewelle eingesetzt hat. Deshalb bleiben wir für Firmen in der Halbleiter-Zulieferindustrie wie auch für Exportunternehmen zuversichtlich.
Doch im Ausland (Carnival -14%, Royal Dutch Shell -12%, VW und Adidas mit je -9%) wie auch im Inland kam es zu einigen virusbezogenen Ausreissern. Mit Richemont und Swatch (-7%), Logitech (-8%) und DKSH (-10%) wurden einige Schweizer Aktien in der vergangenen Woche «bestraft», aber selbst China-bezogene Nebenwerte wie Titlis Bergbahnen haben innert zweier Wochen knapp 10% eingebüsst. Bei den Jungfraubahnen war der Rückgang bislang noch moderater.
Auf Wochensicht resultierte beim Aktien-Barometer Swiss Market Index (SMI) ein Minus von 2.0%. Auch der US-Leitindex Dow Jones Industrial litt (-2.5%). Selbst der von Apple, Microsoft und Amazon erfolgsverwöhnte, technologielastige US-Index Nasdaq 100 büsste 1.6% ein. Dabei sind die Unternehmensnachrichten insgesamt deutlich über den Erwartungen ausgefallen.
Natürlich gibt es auch Beispiele, die beim Fokus auf die Tech-Gewinner gerne übersehen werden. Bei IBM hat die Negativserie angehalten. Es wurde 22mal hintereinander ein schrumpfender Quartalsumsatz erzielt, trotz aller Efforts in Künstlicher Intelligenz und rund um das zukunftsträchtige Cloud Computing. Nun kommt es im traditionsreichen Technologiekonzern zum Führungswechsel. Mit Arvind Krishna übernimmt ein Inder die Führung – wie auch schon bei Microsoft (Satya Nadella), Google/Alphabet (Sundar Pichai) und Adobe (Shantanu Narayen).
Von längerfristiger Natur ist das Geschäft von Stadler Rail, dem stärkst wachsenden Industrieunternehmen der Schweiz. Obschon jeder Auftrag als einzelnes Projekt behandelt wird und Projektgeschäfte naturgemäss zyklisch sind, scheint das die Eisenbahnbestellungen kaum zu berühren. Der Auftragseingang beträgt mehr als 5 Milliarden Franken. Im 2019 stieg der Umsatz auf 3.2 Milliarden Franken (+60%) und der Personalbestand auf 10’500 Personen (+25%). Unter diesem steilen Expansionskurs litt vorübergehend die Rentabilität, verursacht auch durch Mehrkosten bei einzelnen Aufträgen. Mit 6% (2019) war Stadler Rail rentabel, angestrebt werden allerdings mindestens 8%. Im Frühjahr 2020 wird eine Dividende von 1.20 Franken ausgeschüttet. Das entspricht einer Dividendenrendite von 2.6%.
Der Brexit wurde am 31. Januar 2020 vollzogen. Nach 47 Jahren Zugehörigkeit hat Britannien den halbherzigen Schritt wieder rückgängig gemacht. Es war nie wirklich die Ambition, auf die Gestaltung eines integrierten Europas einzuwirken. Vielmehr war eine gewichtige Beitrittsmotivation, die Achse Deutschland-Frankreich nicht erstarken zu lassen. Man sah sich früh als Spaltpilz, und verhielt sich in Brüssel auch so. Nie ist es den Insulanern darum gegangen, sich von der eigenen Währung zu verabschieden und der Währungsunion anzuschliessen.
Es ist eine Konstante seit Jahrhunderten, dass sich Britannien immer wieder in die Geschichte Kontinentaleuropas einmischte und sich dann abwandte, um sich später Europa wieder zuzuwenden. Die Briten hatten selbst in zentralen Themen immer wieder ein Sonderzüglein gefahren, etwa bei den Beiträgen an die EU oder bei der Personenfreizügigkeit. Sie haben das Schengener Abkommen nicht unterzeichnet, weil sie beispielsweise mit ihren riesigen Ex-Kolonien wie Indien und Pakistan besondere Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen verhandelt haben.
Der Brexit hat eine positive Seite. London wird sich wieder mehr um den Rest des Landes kümmern. Das gespaltene Land leidet in weiten Teilen unter mangelnder Entwicklung von Bildung und Gesundheit. Die Unzufriedenheit, von der globalen weltwirtschaftlichen Entwicklung weitgehend «abgehängt» zu sein, ist gross. So entstand der Nährboden für die Brexit-Mehrheit.
Die Stärke Europas ist die Vielfalt. Es gibt nicht eine Währung, sondern mehrere. Es gibt nicht eine Regierung, sondern mehrere. Es gibt nicht einfach den Finanzplatz «New York», sondern mit London, Paris, Frankfurt, Zürich, Genf usw. buhlen eine Reihe von Standorten um ihre Kundschaft. Es gibt glücklicherweise kein «europäisches Silicon Valley», sondern mehrere hervorragende Brutstätten der Innovation. Zwischen diesen Regionen mit höchst unterschiedlichen Stärken und Schwächen herrscht auch ein Standortwettbewerb. Das macht Europa insgesamt attraktiv und kompetitiv.
Der Kapitalmarkt ist innovativ. Jedenfalls war er es im Mai 2016, als die Weltbankgruppe erstmals eine bahnbrechende Finanzierungsfazilität gestartet hat, um ärmste Länder vor Pandemien zu schützen. Der Ursprung lag in der Ebola-Krise. Mit einer innovativen Anleihe sollte sichergestellt werden, dass Länder wie Guinea, Liberia und Sierra Leone unmittelbar zu finanziellen Mitteln gelangen, falls es zu einem Ausbruch einer schweren Infektionskrankheit kommen sollte. Damit sollte die Breite und Schwere einer Epidemie begrenzt werden.
Seit dem Beitritt der Schweiz vor 25 Jahren hat sich die Weltbank stetig weiterentwickelt, um angemessen auf derartige globale Herausforderungen zu reagieren. Mit Hilfe des schweizerischen Rückversicherer-Teams Swiss Re Capital Markets und zusammen mit der in Genf ansässigen Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam es im Juni 2017 zur ersten Emission einer Pandemie-Anleihe. Tritt eine vordefinierte Katastrophe ein, müssen die Zeichner der Anleihe mit einem (Teil-)Verlust ihrer Anlage rechnen. Dieses Risiko wird mit einer Rendite abgegolten. Das Coronavirus zählt zu den durch diesen Finanzierungsmechanismus abgedeckten Viren. Die Anleihen sind nur für institutionelle Kunden vorgesehen, entsprechend hoch ist die Mindestanlage von 250’000 Dollar. Der Prospekt von 400 Seiten Umfang umfasst zahlreiche Definitionen. Das ist das tägliche Brot eines Fonds-Managers, um sich in der Flut von Emissionen zurechtzufinden. Wir sind da zwar nicht investiert, verfolgen die Entwicklungen auf den Anleihensmärkten aber sehr genau.
Herzlich, Maurice Pedergnana