«Mit negativen Zinsen muss bei uns nicht gerechnet werden»

Die Europäische Zentralbank senkt den Leitzins weiter und beschliesst damit erstmals Negativzinsen. Was bedeutet dieser historische Entscheid für die Schweiz? Prof. Dr. Maurice Pedergnana beantwortet im Interview die fünf brennendsten Fragen.

Besteht jetzt nicht die Gefahr, dass Kleinanleger riskante Investments eingehen, weil sie mit Sparen und risikolosen Anlagen nichts mehr verdienen?
Nein, diese Gefahr besteht nur bei wenigen Kleinanlegern. Der Grossteil spart und überlässt das Geld praktisch zinslos den Banken. In den letzten beiden Jahren hat dies bei einer leicht negativen Teuerung noch zum Werterhalt beigetragen. Mit den Inflationsprognosen der Schweizerischen Nationalbank muss der Kleinsparer allerdings damit rechnen, dass er in den nächsten Jahren einen realen Verlust auf dem Angesparten erzielen wird. Das ist weniger als «nichts mehr verdienen»!

In Japan sank bei Nullzinsen die Sparquote praktisch auf Null. Was erwarten Sie für die Schweiz?
Die Sparquote in der Schweiz wird aus volkswirtschaftlicher Sicht anhaltend hoch bleiben, gerade auch dank unserer beruflichen Vorsorge. Das Problem ist aber, dass die Pensionskassen ihre sehr konservative Anlagepolitik weiter verfolgen. Rund 50% investieren sie heute in Anlagen, die allerhöchstens werterhaltend sind, aber weder real noch volkswirtschaftlich einen Mehrwert generieren. Das Geld in 10jährige Eidgenossen zu investieren, geht heute mit einem garantierten Realwertverlust einher. Damit riskieren die Pensionskassen, dass die Renditen langfristig und damit später auch die Renten tiefer ausfallen als bei einer angemessenen Anlagestrategie und –politik.

Wie sieht es im Hypothekarbereich aus?
Die Geldmarkt-bezogenen Hypotheken müssten schon längst billiger geworden sein. De facto nutzen viele Banken ihre Stellung aus und setzen praktisch kollektiv höhere Margen durch. Dabei geben sie vor, das sei das Ergebnis von Regulierungen durch Bundesrat und Nationalbank. Dabei ist es eine schlichte Margenexplosion, welche die Privatkunden in der Schweiz in den letzten 12 Monaten erfahren mussten. Vielen Regional- und Kantonalbanken wird es unter diesen Umständen leicht fallen, weitere Rekordergebnisse zu erzielen.

Wie werden die Banken reagieren?
Sie werden nicht viel ändern. Mit negativen Zinsen muss der einzelne Sparkunde bei uns nicht rechnen. Aber gewichtig wird das Handeln der Vermieter sein. Weil diese nun von dauerhaft tiefen Refinanzierungs-Zinsen ausgehen und 5-jährige Hypothekarkredite für rund 1% beschaffen können, müssten sie auch nach Jahren negativer Teuerungsraten konsequent senken.

Kommt es in der Schweiz zu einer Altersarmut?
Nein, die Menschen müssen einfach weiterhin auch privat fürs Alter vorsorgen. Wer als Mieter tiefere Mieten eingefordert hat, soll die Differenz zur Seite legen. Dabei gibt es aber langfristig bessere Wege als das Banksparen. Insgesamt sind wir mit unserem Vorsorgesystem in der Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern viel weiter. Wir werden heute um die Weitsicht der Kombination von Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren benieden. Liberale Kräfte haben letzteres als Zwangssparen verunglimpfen wollen. Heute erweist es sich als wertvoll, insbesondere falls damit auch volkswirtschaftlich sinnvolle Anlagen getätigt werden. Die Armutsproblematik hat sich dagegen längst in den Bereich der Familien mit Kindern verlagert und sich dort in jüngster Zeit sogar akzentuiert.

Interesse geweckt?
Lesen Sie weiter – den gesamten Artikel aus der Neuen Zuger Zeitung mit exklusiven Stellungnahmen von Prof. Dr. Maurice Pedergnana finden Sie hier.
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