Finanzstabilität in der Schweiz

Presse, Publikationen

Vor einigen Tagen ist der jährliche Bericht zur Stabilität des Finanzmarktes von der Schweizerischen Nationalbankpräsentiert worden. Dabei ist einiges bemerkenswert. Prof. Dr. Maurice Pedergnana im Interview.

Was halten Sie für besonders am «Financial Stability Report 2014»?
Einmal mehr erscheint er nicht in einer Landessprache, sondern zuerst in Englisch. Auf die Übersetzung müssen wir warten, auch jene, die den Bericht besonders betreffen. Von einem typischen Schweizer Banker kann man aufgrund der Komplexität der Materie, in Kombination mit der Fremdsprache, nicht erwarten, dass er da alles versteht.

Was meinen Sie damit?
Im Bericht wird auf die Raiffeisen Gruppe als Ausreisser eingegangen. Da seien besondere Zinsrisiken vorhanden. Wobei der Bericht die Transparenz von 2011 vermissen lässt und man nicht weiss, wie stark sich eine «schockartige» Zinserhöhung auf die Eigenmittel auswirken würde. Früher hat man das noch bankgruppenspezifisch ausgewiesen, heute ist die SNB lieber intransparent. Ob die Risiken bei der Raiffeisen zu- oder abgenommen haben, ist letztlich nicht ersichtlich; man muss nun wieder den alten Weg über die Analyse der Geschäftsberichterstattung sowie des Kleingedruckten im Anhang jeder einzelnen systemrelevanten Bank gehen.

Was wäre sonst noch zu verbessern?
Bis heute vermag die SNB nicht zu kommunizieren, wer in der Schweiz wirklich systemrelevantist – aus globaler Sicht (G-SIB) und aus landesspezifischer Sicht (D-SIB). Es ist ein schlechter Bericht, wenn ich über einen Markt und dessen Stabilität berichte, ohne die systemrelevanten Marktteilnehmer klar zu benennen.

Gibt es bessere Beispiele?
Ja. Alle Zentralbanken müssen jährlich einen solchen Bericht erstellen. Jener der Deutschen Bundesbankgefällt mir beispielsweise, weil er detaillierter auf die makroprudentielle Politik eingeht. Zudem beleuchtet er den Finanzmarkt umfassender und stellt ihn in einen breiteren Kontext. Da wird auch auf die Lebensversicherungen und deren Probleme mit der Tiefzinsphase eingegangen.

Und in der Schweiz gibt es ja mit der Raiffeisen auch eine problematische Bankengruppe?
Die öffentliche Kritik lässt aufhorchen, aber man muss das nicht gleich dramatisieren. Zudem ist wichtig, die einzelnen Banken zu verstehen. Der «Hauptsitz» in St. Gallen wird im Wesentlichen konsolidiert, die einzelnen Banken werden aber nicht durch eine planerische Hand von Pierin Vincenz gesteuert, sondern unternehmerisch vor Ort geführt, ziemlich autonom. Da wird einer völlig überschätzt.

Und weshalb die mahnenden Worte sozusagen «zwischen den Zeilen»?
Die Fragestellung zu den Risiken einer Zinserhöhung für eine Bank ist recht hypothetisch. Es wird davon ausgegangen, dass eine Bank nicht reagieren kann. Nur: Die Zinsen werden ja nicht einfach um 2% steigen; eine solche Zinswende wird eine gute Zentralbank einläuten und schrittweise vornehmen müssen. Diese Zeit liesse sich auch nutzen, um über vielfältige Massnahmen die Risiken zeitnah erheblich zu reduzieren. Aber sich schon heute gegen Zinserhöhungen im Jahr 2016 und 2017 vollständig abzusichern ist im gegenwärtigen Umfeld nicht angebracht.

Was zählt zu diesen Massnahmen?
Eine wirksame Massnahme bestünde darin, das Kreditwachstum einzudämmen. Dadurch würde auch der Aufbau von Eigenmitteln, die als Risikopuffer gelten, beschleunigt. Der genossenschaftliche Bankensektor thesauriert mehr als 95% der erzielten Gewinne, damit in schwierigen Zeiten Risiken absorbiert werden können. Wenn die Gewinne nicht gleich wieder in die expansive Kreditvergabe investiert werden, bleibt Eigenkapital zurück, das nicht regulatorisch oder ökonomisch erforderlich ist . Auch das ist ein Teil der Stabilität auf dem Finanzmarkt. Es braucht die Vielfalt der Herangehensweisen im Bankensystem, und es braucht die Vielfalt der Geschäftsmodelle. Das ist erwiesenermassen der zentrale Stabilitätspfeiler.

Interesse geweckt?
Lesen Sie weiter – den gesamten Artikel aus dem Tages-Anzeiger mit exklusiven Stellungnahmen von Prof. Dr. Maurice Pedergnana finden Sie hier.
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