Das erste Halbjahr 2022 ist aus Anlegersicht zum Vergessen. Vergleichbare parallele Rückschläge bei den Kursen von Aktien und Anleihen gab es in den letzten 50 Jahren nie. Dennoch vermittelt eine historische Statistik Zuversicht. In allen Jahren seit 1970, in denen der breite amerikanische S&P 500 Index im ersten Halbjahr um mindestens 15% nachgegeben hatte, avancierte er bis zum Jahresende im Durchschnitt um 24%. Die Weltwirtschaft arbeitet sich immer noch aus dem pandemiebedingten Tal heraus. Im ersten Quartal 2022 waren noch Omikron-Einflüsse vorhanden, die zu einer Vielzahl von Restriktionen führten. Im zweiten Quartal kam es zu den langersehnten Lockerungen mit ersten Reisewellen um Ostern und Pfingsten. Der Start in die Sommerferien zeigte eine starke Nachfragezunahme, doch diverse Dienstleister im Gastro- und Tourismusbereich sind überfordert, das Angebot in demselben Tempo zu erhöhen. Die Friktionen am Flughafen sind gewissermassen die sichtbare Spitze des Eisbergs. Das zweite Quartal blieb gezeichnet von branchenspezifischen Lieferkettenproblemen. Das führte beispielsweise beim Automobilkonzern GM dazu, dass in den USA mit mehr als 582’000 Autoverkäufen die Erwartungen übertroffen wurden. Aber 95’000 weitere Autos wurden erst teilweise zusammengestellt. Gewisse Halbleiter und andere Komponenten fehlten immer wieder. Doch die Lieferkettenprobleme würden sich im zweiten Halbjahr lösen, weshalb der Konzern die Gesamtjahresprognose hinsichtlich des Umsatzes und der Margen aufrechterhielt, d. h. im zweiten Halbjahr wird sich die Produktion und der Absatz beschleunigen. Wachstum prägt ebenfalls Nvidia, auch wenn die Aktie in der epischen Techkorrektur stark gelitten hat. Im Fiskaljahr 2020 verzeichnete der Halbleiterhersteller 10.9 Milliarden Dollar Umsatz, im 2022 sind es bereits 26.9 Milliarden. Im kommenden Fiskaljahr 23/24 geht man bereits von 40 Milliarden Dollar Umsatz aus – ein spektakuläres Wachstum, von dem früher oder später auch die Aktie wieder profitieren dürfte. Das grösste Potenzial liegt in der Künstlichen Intelligenz. Da werden Nvidia Chips- und Software-Einheiten beispielsweise in über 370 Partnerschaften rund um die Thematik automobile Selbst-Steuerung eingesetzt. Auch deshalb bleiben wir überzeugt davon, dass der gegenwärtige Kursrückgang von vorübergehender Natur sein wird. Eindrücklich bleibt das Wachstum von Sika. Als Antwort auf die anhaltend hohe Nachfrage in den USA nahm Sika in Virginia vor wenigen Tagen eine neue Produktionsanlage für Betonzusatzmittel in Betrieb und erhöht seine Produktionskapazität massgeblich. Das Werk ist mit modernster Logistik ausgestattet, was kürzere Transportwege für Rohstoffe und gefertigte Güter sowie eine Senkung der CO2 Emissionen sicherstellt. Die USA sind Sikas grösster Absatzmarkt. Der Haupttreiber für den knapp zehnprozentigen Wachstumstrend sind die US-Investitionen in Transport-, Energie- und Versorgungsinfrastruktur. Das ermöglicht auch angesichts einer starken Projektpipeline dem Marktführer Sika, sein eindrückliches Umsatzwachstum und die überproportionale Gewinnsteigerung fortzusetzen.
In den USA sind die Konsumenten von Benzinpreisen geschockt. In vielen Gebieten werden mehr als fünf Dollar pro Gallone verlangt. Im April 2020 lagen die Preise bei rekordtiefen zwei Dollar. Dabei trifft die hohe postpandemische Nachfrage im Ölförderland USA auf ein verringertes Angebot. Seit Jahren werden die Investitionen in neue Förderfelder zurückgefahren und Raffineriekapazitäten abgebaut. Nun können sich die übriggebliebenen Förderer und Raffinerien über ihr holdes Glück von sprudelnden Quartalsgewinnen freuen.
Seit vier Monaten sind die weltweiten Rohstoffmärkte in einer Seitwärtsbewegung, doch die Preise an der Tankstelle bleiben überraschend hoch. Das hat mit dem enormen Margenausbau in der gesamten Wertschöpfungskette zu tun. Derzeit hält der Preisnachlass auf den Rohstoffmärkten an. Im letzten Quartal sind die Preise im Durchschnitt um rund ein Drittel gefallen, der Preis von Nickel, das vor allem für die Stahlerzeugung benötigt wird, um mehr als die Hälfte.
Das passt nicht mit der Prognose zusammen, dass eine inflationsgetriebene Rezession kommen soll. Sollte die Nachfrage tatsächlich einbrechen, wären die aktuellen Zins- und Inflationssorgen weit übertrieben. Die Rohstoffpreise würden dann auch im laufenden Quartal weitersinken und Preissenkungen, wie sie bei Konsumgütern jüngst wieder vermehrt zu beobachten sind, würden sich auch im Dienstleistungssektor ausbreiten.
Unklar bleibt, wie lange die «vorübergehende» Natur der erhöhten Inflation bleiben wird. Die Kerninflation in den USA hat sich zum dritten Mal hintereinander gesenkt und liegt noch bei 4.58%, vergleichbar hoch in der Eurozone. Wohl auch deshalb bemühte jüngst Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank, ein Zitat ihres Landmanns Victor Hugo: «Die Ausdauer ist das Geheimnis aller Triumphe.»
Gemäss den Analysten der amerikanischen JP Morgan ist der momentane Ausverkauf darauf zurückzuführen, dass der Durchschnittsinvestor von einem konjunkturellen Desaster ausgeht. Sollte das Desaster nicht eintreten, könne eine Erholung rasch einsetzen. Das Frustrierende am vergangenen Halbjahr ist, dass die Unternehmen selbst ihre Marktlage positiver und optimistischer als die Anleger betrachten. Es gibt einen weiteren positiven Aspekt des Ausverkaufs: viele günstige Einstiegsgelegenheiten.
Zugerberg Finanz Wirtschafts- und Börsenausblick – Juni 2022
Spannend wars! Am 28. und 30. Juni 2022 fand die 29. Ausgabe des Zugerberg Finanz Wirtschafts- und Börsenausblickes unter dem Titel «Warum ist die Schweiz ein reiches Land?» statt. Wir durften knapp 600 Gäste im KKL Luzern und jeweils rund 120 Gäste am Mittags- und Abendanlass in unserem Lüssihof begrüssen.
Diese lauschten gespannt den Ausführungen von Timo Dainese zur Entwicklung im ersten Halbjahr und dem Referat von Prof. Dr. Maurice Pedergnana zur aktuellen Situation in der Weltwirtschaft und an den internationalen Finanzmärkten.
Im Gastreferat zeigte der renommierte Schweizer Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Tobias Straumann auf, warum die Schweiz ein reiches Land ist und räumte dabei mit diversen Klischees auf.
Wir blicken zurück auf drei bestens organisierte Anlässe mit interessanten Referaten, vielen guten Gesprächen, einer Prise Humor und feiner Verpflegung.
Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich für das uns entgegengebrachte Vertrauen, das Interesse und die vielen überaus positiven Rückmeldungen unserer sehr geschätzten Gäste.
Die nächste Ausgabe des Zugerberg Finanz Wirtschafts- und Börsenausblicks findet am Dienstag, 24. und Donnerstag, 26. Januar 2023 bei uns im KKL Luzern sowie in Zug statt. Merken Sie sich das Datum bereits vor. Weitere Informationen folgen zu einem späteren Zeitpunkt auf unserer Webseite.
Impressionen von den Anlässen im KKL und im Lüssihof finden Sie in unserer Bildergalerie.