Seit den frühen Morgenstunden am Donnerstag, 24.02.2022 handelt es sich bei der Situation in der Ukraine um eine Invasion durch Russland und einen offenen Krieg. Die Anleger sind dadurch – nicht erst heute – stark verunsichert. Der SMI hat in den letzten Wochen um knapp 10% korrigiert und liegt wieder auf dem Niveau von Oktober 2021.
Wir überwachen die Situation laufend. Wir sehen momentan davon ab, grössere Veränderungen in den Portfolios vorzunehmen. Die Situation in der Ukraine ist eine humanitäre und völkerrechtliche Tragödie und Katastrophe.
Kritisch kann es dann werden, wenn es zu einer kriegerischen Eskalation mit dem Westen kommt (davon ist nicht auszugehen), oder wenn die Energiepreise nochmals stark zulegen (Öl gegen 150 USD), und es zu einem weiteren Inflationsschub kommt. Auch davon gehen wir zur Zeit nicht aus, es gilt aber, die Situation laufend neu zu analysieren.
Die besorgniserregende Eskalation in der Ukraine-Krise wird unterschiedlich benannt: Von «Militäroperation» bis «Krieg» lauten die wichtigsten, und die Aktien- und Anleihensmärkte werden wohl eine Geisel der einlaufenden Schlagzeilen bleiben.
Die geopolitische, humanitäre und völkerrechtliche Dimension ist wesentlich bedeutender als die wirtschaftliche Dimension dieses Konflikts. Schritte der militärischen Deseskalation bleiben derzeit aus. Russland schadet sich durch das Vorgehen selbst. Die wegen der Besetzung der Krim bereits verhängten Sanktionen verringerten die russische Wirtschaftsleistung um 1.2% jährlich. Folgen nun weitere Sanktionen, treffen diese Russland deutlich härter.
Umgekehrt müssen die Länder, die Sanktionen verhängen, selbst ebenfalls mit Rückschlägen rechnen. Bei Öl und Gas gibt es eine preisliche Anspannung, welche die Gas-abhängigen Volkswirtschaften wie Deutschland und Italien und dort insbesondere die einkommensschwachen Gaskunden treffen. Die Preise gehen aber auch in die Höhe, weil die grossen Öl- und Gaskonzerne in den letzten Jahren angewiesen wurden, ihre Investitionen nicht mehr in fossile Brennstoffe, sondern in die Generierung von erneuerbarer Energie zu lenken. Was langfristig wohl unter dem Aspekt der Klimaneutralität nachhaltig und richtig sein mag, hat kurzfristig in einer Weltwirtschaft, die nach wie vor von fossilen Brennstoffen als Hauptenergiequelle abhängig ist, nun einen hohen Preis zur Folge.
Rein wirtschaftlich wird die Bedeutung Russlands als Handelspartner wie auch als Investitionsland jedoch überschätzt. In Russland funktionieren nur die Apparate für die Repression im Inneren und die Aggression nach aussen gut. Alles andere ist marode, und langfristig werden die wirtschaftlichen Fakten wieder Oberhand gewinnen. Im Jahr 2021 hatte Russland ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1.65 Billionen Dollar. Das amerikanische BIP betrug 22.94 Billionen Dollar. Russland erreicht also lediglich noch 7.2% der amerikanischen Wirtschaftsleistung. Im Jahr 2013, vor der Annexion der Krim, lag dieser Wert noch bei 12.7%. Die relative Wirtschaftsstärke Russlands im Verhältnis zu Amerika hat sich in den letzten acht Jahren nahezu halbiert. Nimmt man die USA und die Europäischen Union zusammen, kommt Russland gerade noch auf 4.3% des kombinierten BIP. Die Wettbewerbsfähigkeit beschränkt sich auf wenige Güter und ist extrem einseitig. Drei Viertel der russischen Exporte entfallen auf Öl und Gas. Die politische Führung in Russland erweist sich als unfähig, die wirtschaftliche Situation für die Menschen zu verbessern. Stattdessen wird Russland in der wirtschaftlichen Leistungskraft überholt von viel kleineren Ländern wie Südkorea oder auch den Niederlanden und Belgien zusammen. Darin steckt die wahre Demütigung der führenden Köpfe in Russland.
Kurzfristig ist der Ukraine-Konflikt zweifellos ein Belastungsfaktor, und es mag weitere Schritte der Eskalation geben. Genauso möglich gibt es aber auch die Aussichten auf eine Entschärfung der Lage. Diese könnten den Finanz- und Rohstoffmärkten zu mehr Stabilität verhelfen. Dann finden Fundamentalaspekte wie das weltwirtschaftliche Wachstum, das derzeit von den Industrie- und Schwellenländern ausgeht, wieder deutlich mehr Beachtung.
Es sind also wieder einmal volatilere und schwierigere Zeiten an den Kapitalmärkten. Es gilt, Ruhe zu bewahren, sich trotz der Schwankungen nicht verunsichern zu lassen und bei der Strategie zu bleiben. Die Situation in der Ukraine wird die Welt wohl noch lange beschäftigen, die mediale Aufmerksamkeit dürfte aber in diesen Tagen den Höhepunkt erleben, und damit allenfalls auch die Verunsicherung unter den Anlegern. In der Vergangenheit haben sich Situationen wie diese regelmässig als Kaufgelegenheit erwiesen.
Wir gehen nach wie vor von einem Wachstum der Weltwirtschaft von mehr als 4% in diesem Jahr aus, und wir gehen im Weiteren davon aus, dass trotz dieser Krise viele von uns gehaltenen Unternehmen in diesem und im nächsten Jahr Rekordumsätze und -gewinne erwirtschaften werden. Die Welt wird wegen der Situation in der Ukraine nicht in eine Rezession fallen, und der Westen ist heute wenig abhängig von russischem Öl und Gas. Wir sind daher überzeugt, dass sich die Märkte erholen werden.
Unsere Gedanken sind bei der ukrainischen Bevölkerung,
Timo Dainese CEO Gründer / Geschäftsführender Partner
Prof. Dr. Maurice Pedergnana CIO Geschäftsführender Partner