Die ersten Unternehmensberichte zum dritten Quartal sind erfreulich ausgefallen, und die Märkte haben sich in der vergangenen Woche erholt. Der Ausblick auf die kommenden Jahre hat sich in vielen Aussagen verbessert. Beispielhaft dafür war der grösste europäische IT-Konzern SAP. Er meldete nicht nur eine beschleunigte Nachfrage im Lizenz- wie auch im Cloud-Geschäft. Positiv aufgenommen wurde die Fähigkeit, höhere Kosten auf die Kunden zu übertragen. Traditionell wurde die SAP-Software auf Servern der Unternehmenskunden gespeichert. Immer mehr werden die Programme zentral gespeichert, sodass Kunden die SAP-Produkte ohne aufwändige Installation vor Ort über Cloud-Computer nutzen können. So lassen sich neue Versionen flexibler, leichter und schneller verbreiten. Die Rekordnachfrage nach der Cloud-Plattform war genau nach dem Geschmack der Investoren, weshalb der Kurs innert Wochenfrist knapp 8% zulegte.
Noch eindrücklicher war der Kursanstieg von BKW (+10% seit Monatsbeginn). Der Energie- und Infrastrukturkonzern handelt lediglich zum 13-fachen Kurs/Gewinn-Verhältnis. Wie die Gesellschaft bereits am 8. September berichtet hat, profitiert sie besonders von den Veränderungen auf dem europäischen Energiemarkt. Das Stromnetz liefert einen verlässlichen Beitrag zur Unternehmensrendite (Gewinnanstieg von +11% im ersten Halbjahr), das Servicegeschäft wächst stark und profitabel (+59%) und in jüngster Zeit wird mit den steigenden Energiepreisen üppig Cash generiert. Die liquiden Mittel dürften bei einer Milliarde Franken liegen und lassen weiteres akquisitorisches Wachstum zu.
Lonza (+4% seit Monatsbeginn) hat am Kapitalmarkttag die strategischen Prioritäten in den Vordergrund gerückt. In den nächsten Jahren stehen umfangreiche Investitionen in der Höhe von 25% der Verkaufserlöse an, um das jährliche Umsatzwachstum in den Jahren 2021 bis 2024 auf ca. 13% zu hieven – bei sehr ambitiösen angepeilten Bruttomargen von 33% bis 35% (2024).
Das Weihnachtsgeschäft ist gestartet. Alibaba (+16%), der weltweit grösste Onlinehändler mit starken Wachstumsraten in Europa, strebt eine globale Auslieferung aller Bestellungen innert 72 Stunden an. Das hat Amazon dazu bewogen, die Flugzeugflotte von Amazon Air massiv auszubauen, um ebenso schnell zu werden. Von der globalen Konjunktur getragen werden auch die Aktienkurse von Alphabet/Google (+5%) und Nvidia (+8%).
Sika und Partners Group haben sich vom Durchhänger in den ersten Oktober-Tagen erholt und liegen inzwischen 5% respektive 6% höher als zu Monatsbeginn. Von den SMI-Schwergewichten liegt derzeit Roche (+6%) vor Nestlé (+2%) und Novartis (+1%) am meisten in der Anlegergunst. Der Swiss Market Index (SMI) vermochte seit Quartalsbeginn 3.3% zuzulegen und bestätigt uns, mit einem Aktienübergewicht ins Schlussquartal zu starten. Er beendete die erste Oktober-Hälfte bei 11’961 Punkten (+11.8% seit Jahresbeginn).
In einem enormen Effort wird im globalen Güteraustausch ein möglichst reibungsloses Schlussquartal angestrebt. Aufgrund der Weihnachtssaison erreicht der Warenverkehr in diesen Wochen seinen Höhepunkt. Nach wie vor bleibt das südchinesische Perlflussdelta eine zentrale Produktionsstätte. Von dort aus werden noch mehr Güter in die USA verschifft als nach Europa. Um Engpässe zu überbrücken, hat die US-Regierung der Hafenbehörde in Los Angeles einen 7×24 Stunden Betrieb verordnet, d.h. die Wochen-Kapazität wurde kurzerhand um mehr als 60 Stunden ausgeweitet.
Auch in asiatischen Betrieben läuft vieles wieder auf Hochtouren, nachdem in den letzten Wochen immer wieder pandemiebedingte Produktionsunterbrüche vermeldet werden mussten. Legendär ist das «996»-Arbeitsmodell bei Alibaba: Von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends an 6 Tagen wird da gearbeitet, um die Kundenwünsche so rasch wie möglich zu befriedigen. Selbst in China ist es nicht einfach, loyale Fachkräfte für ein Quartal zu finden, so dass die Engpässe mittels 996-Arbeit vorübergehend überbrückt werden.
Die Elektronik-Konsumgüter werden im Weihnachtsgeschäft höchstens geringfügige Preiserhöhungen erfahren. Zwar dürften die Produktionskosten von Smartphones im laufenden Jahr um 5% bis 10% ansteigen, doch machen die Produktionskosten bei einem iPhone beispielsweise nur gerade einen Drittel des Endverkaufspreises aus. Bei Grafikkarten von Nvidia, die vor allem für Computerspiele und zum Schürfen von Kryptowährungen gebraucht werden, waren die jüngsten Preisanstiege markanter.
Apple (+4% seit Monatsbeginn) hatte bislang gehofft, im Schlussquartal rund 90 Millionen Exemplare des iPhone 13 zu fertigen. Durch die Engpässe bei den US-Chiplieferanten Texas Instruments und Broadcom werden es aber bis zu zehn Millionen weniger sein. Apple muss sich vielmehr um den chinesischen Markt kümmern. Twitter und Facebook haben sich da bereits zurückgezogen, LinkedIn folgt nun. Doch für Apple ist das riesige Absatzpotenzial allzu attraktiv. Der US-Konzern kooperiert immer stärker mit der chinesischen Regierung, wenn es um «Compliance»-bezogene Untersuchungsanfragen zu chinesischen Staatsbürgern geht.
Ein Balanceakt
In jedem Moment geht es um das Abwägen von kurzfristig marktbeeinflussenden Nachrichten und langfristig sich abzeichnenden Trends. Als Kurzsichtiger muss ich eine Brille aufsetzen, um das Entfernte mit Schärfe zu erkennen, manchmal sogar einen Feldstecher.
So ist es auch beim Anlegen. Es wird kurzfristig immer einige News geben, welche pessimistische Marktkräfte stärken. Das kühl-neblige Wetter dämpft ohnehin schon unsere Stimmung. Um die Negativspirale zu verstärken, werden in dieser Phase den Schwarzmalern gleich noch mediale Plattformen unserer Zeit geboten.
Dabei tut man gut daran, selbst in den dunkelsten Zeiten ans Positive zu denken. Die besten Börsentage liegen häufig nah bei den schlechtesten. Und genau deshalb sollten wir uns an schlechten Tagen wie im September bewusst sein, dass auch wieder gute Tage kommen werden.
Herzlich, Maurice Pedergnana
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