In jüngster Zeit war nicht nur an der Schweizer Börse Gegenwind aufgekommen. Es war ein Mix aus steigenden Corona-Infektionszahlen insbesondere im angelsächsischen Raum, schwachen Konjunkturdaten und wachsenden Spannungen zwischen den USA und China. Der Ton zwischen den beiden Streithähnen wurde zuletzt wieder etwas rauer. Und dem Glaube an eine schnelle Genesung der Weltwirtschaft stand zuletzt die Angst vor einer möglichen zweiten Infektionswelle gegenüber, was den Risikoappetit insgesamt dämpfte.
Hinzu kam, dass der Vorsitzende der US-Zentralbank Federal Reserve, Jerome Powell, ein grimmiges Szenario für die US-Wirtschaft zeichnete. Die «Nonfarm Payroll» Daten für April waren der tiefgründige Ausdruck des dezimierten Arbeitsmarktes. 23 Millionen Arbeitsplätze gingen verloren, als die Arbeitslosenquote innert Kürze von einem 50-Jahres-Tief auf ein 90-Jahres-Hoch kletterte. Mit seinem Auftritt signalisierte Powell primär an den Kongress, ein grösseres Konjunkturpaket zu beschliessen, um die Volkswirtschaft auf ihren Wachstumspfad zurückzubefördern.
Ausserdem kamen Trader-Meinungen, die für eine gedämpfte Stimmung sorgten. So setzte der Goldman Sachs Stratege David Kostin sein kurzfristiges Kursziel für den US-amerikanischen Index S&P500 auf 2400 Punkte setzte. Denselben Index sieht er in einem Jahr aber deutlich höher als heute bei 3000 Punkten. Zwei berühmte Hedgefonds-Manager, Stan Druckenmiller und David Tepper, haben mit Leerverkäufen vor allem auf fallende Kurse gesetzt und liegen derzeit arg im Minus. Deshalb betrachten sie Aktien lautstark als überbewertet, und die US-Medien liessen das Thema nicht mehr los. Dies bewog schliesslich den US-Präsidenten Donald Trump zur getwitterten Aussage, dass diese zwei mit ihren negativen Prognosen doch nur daran verdienen wollten.
So war es kaum erstaunlich, dass der Schweizer Leitindex Swiss Market Index (SMI) in der vergangenen Woche den Rückwärtsgang einlegte. Er gab um rund 180 Punkte oder 1.9% auf 9483 Punkte nach. Auf diesem anspruchslosen Niveau setzt der Hoffnungsschimmer am Anlagehorizont ein. Je länger der Horizont, desto naheliegender ist eine stattliche Aktienquote. Dafür wird man längerfristig mit satten Dividenden abgegolten.
Die realwirtschaftliche Erholung ist derzeit mit jedem zusätzlichen Tag spürbar. Die chinesische Industrieproduktion hat mit guten April-Zahlen (+3.9%) für Zuversicht gesorgt. Steigende Ölpreise sind das Ergebnis einer erhöhten Nachfrage nach Benzin. In den USA hat Apple die Mobilität der iPhone-Nutzer in den vergangenen Tagen mit jener aus der Vor-Coronazeit verglichen. Was den Individualverkehr betrifft, liegt er bereits wieder bei 80% des Vorkrisenniveaus. Diverse Autohersteller berichteten von verbesserten Absatzzahlen in den vergangenen Tagen (USA, Europa) und Wochen (China).
Die meisten Schweizer Anleger haben in der Corona-Krise die Ruhe bewahrt und besonnen reagiert. Dies geht aus einer aktuellen Studie von Teodoro Cocca hervor, der lange an der Uni Zürich gewirkt hat. Im Auftrag einer Liechtensteiner Privatbank hat er 127 Anleger befragt, die jeweils über ein stattliches Anlagevermögen verfügen.
Rund die Hälfte der Anleger hat ihr Portfolio nicht angerührt. Das hat wohl auch mit der hohen Geschwindigkeit der Talfahrt an den Aktien- und Anleihensmärkten zu tun gehabt. Weil kurz danach eine erhebliche Erholung einsetzte, sah man sich hernach auch nicht mehr veranlasst zu handeln.
Cocca erklärt sich dies mit den Lehren aus der Finanzkrise von 2008, als es sich auch ausbezahlt hat, im Markt investiert zu bleiben. Nur wenige Anleger, etwa 5%, seien in die Falle getappt, bei tiefen Kursen zu verkaufen. Rund 24% nutzten die tieferen Kurse für Zukäufe, und 21% haben Aktien sowohl verkauft wie auch gekauft.
Weitere Studien zeigen, dass unter den Verkäufern sehr viele Hedgefonds waren. Auch lombardfinanzierte Anleger mussten sich zwangsläufig von ihren Valoren trennen. Interessant ist, dass dagegen die grossen Staatsfonds tendenziell Aktien hinzugekauft haben, ebenso die Schweizerische Nationalbank. Pensionskassen nutzten ebenfalls die Delle, um ihre strategische Aktienposition diszipliniert zu rebalancieren.
Inzwischen liegen die Aktienmärkte vielfach in der Mitte zwischen den Februar-Höchstwerten und den März-Tiefstwerten. Gefahndet wird gegenwärtig nach jedem richtungsweisenden Signal. Wem die Börse im Februar zu teuer war, kann die derzeitigen Kurse als Kaufgelegenheit betrachten. Wer über einen längeren Anlagehorizont verfügt sowieso. Denn an der Attraktivität von Aktien als Realanlage wird es auch in den kommenden Jahren nichts zu rütteln geben – ganz im Gegensatz zu den Staatsanleihen als Nominalanlage mit garantiert negativer Rückzahlungsrendite.
Die aktuelle Krise ist eine Herausforderung für uns alle. Einerseits wirtschaftlich: 2 Mio. Arbeitskräfte in der Schweiz haben Kurzarbeit. Viele Betriebe kämpfen ums Überleben. Dann der Beinahe-Lockdown: 2 Monate lang war man abgesehen von wenigen Outdoor-Aktivitäten faktisch daheim eingeschlossen. Als ganz grosse Herausforderung zeigt sich aber auch der Umgang mit Informationen und Medienberichten, die über tausende Plattformen, Zeitungen und Newskanäle unaufhaltsam und ungefiltert auf uns hereinprasseln. Dabei schwanken die Inhalte von seriösen medizinischen Studien über weltweite Wirtschaftsdaten bis hin zu Alu-Helmen und Bill-Gates-Verschwörungstheorien.
Wir haben die vergangenen 2 Monate gut gemeistert. Nun kehren wir zurück in das «normale» Leben. Ein Leben mit Corona eben. Es gilt, in dieser Phase einen klaren und kühlen Kopf zu bewahren. Es gilt, sich weiterhin an die Verordnungen des Bundes zu halten. Dann werden die Infektionszahlen tief bleiben und weiter zurückgehen. Es fühlt sich im ersten Moment komisch an, die vielen Leute draussen zu sehen. Auf der Strasse, beim Shopping, im Restaurant. Aber es ist wichtig, für uns alle. Für den Geist, für die Lebensfreude, für die Wirtschaft. Und so lange wir uns an die Regeln halten, ist es unbedenklich.
Wir freuen uns auf eine weitere sonnige Woche, die durch Auffahrt erst noch verkürzt ist. Tragen Sie Sorge zu sich, und bleiben Sie gesund!
Herzlich, Timo Dainese