Zu den Schwierigkeiten der Grossbanken

Presse

Nach der Commerzbank letzte Woche hat heute die niederländische Grossbank ING die Streichung von 7000 Stellen bekannt gegeben. Die jüngsten Schlagzeilen versetzen Europa in Alarmstimmung. Die Angst vor einem Domino-Effekt sei aber übertrieben, sagt Maurice Pedergnana, Geschäftsführender Partner der Zugerberg Finanz AG.

Die Bankenbranche ist im Umbruch: die Deutsche Bank erwartet erneut eine Milliardenbusse. Die Commerzbank strich letzte Woche 9000 Stellen. ING heute 7000 Arbeitsplätze. Und für die krisengeschüttelte italienische Monte dei Paschi läuft gar ein Rettungsplan. Die Grossbanken in Europa sind eng verflochten und wenn eine umfällt, könnte sie alle anderen Banken wie Dominosteine mitreissen.

Bankenprofessor Maurice Pedergnana von der Hochschule Luzern aber relativiert: «Ich glaube nicht, dass es zu einem Domino-Effekt kommen wird. Die Banken insgesamt in Europa verfügen über deutlich mehr Eigenmittel als vor 7 Jahren und auch die Liquiditätslage hat sich deutlich verbessert.» Die Kernkapitalquote hat sich beispielsweise bei den deutschen Banken von 9.1% (2008) auf 15.6% (2016) verbessert. Ebenso haben sich die Qualität von Eigenkapital und die Verlustabsorptionsfähigkeit verbessert.


Zu viele Grossbanken in Europa

Die Anzahl Grossbanken in Europa werde sich jedoch stark reduzieren. Was historisch in den einzelnen Ländern gewachsen ist, wird in einem zunehmend integrierten europäischen Wirtschaftsraum nicht mehr benötigt. Nebst flexiblen, regional orientierten Banken mit einer starken Kundenbindung und einem einfachen Geschäftsmodell, das auf bedürfnisgerechte Lösungen vor Ort ausgerichtet ist, gibt es immer weniger Raum für eine Vielzahl von grossen Banken, welche ihre Leistungen primär an grossen Unternehmen ausrichten. Letztere haben sich stark internationalisiert und wollen europaweit respektive global begleitet werden. Auch um die technologischen Herausforderungen (Digitalisierung, Multi-Channeling, Blockchain-Technologie usw.) stemmen zu können, braucht es enorme Investitionen. Deshalb rechnet Pedergnana damit, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre die Hälfte der momentan rund 40 Grossbanken in Europa verschwinden wird. Die Entwicklung gehe hin zu weniger, dafür umso fitteren Big-Players. Wer sich durchsetzen wolle, müsse agil sein, verstärkt in Boom-Märkte wie zum Beispiel das Firmenkunden- und Private Clients-Geschäft im asiatisch-pazifischen Raum vordringen und sich den Kundenbedürfnissen entsprechend anpassen.

Pedergnana geht davon aus, dass in zwei bis drei Jahren das Umfeld für die Grossbanken deutlich besser sein wird: «Die Banken werden dann die Kosten reduziert haben und insbesondere von einem anderen Zinsumfeld profitieren können.» Banken, die ihre Hausaufgaben jetzt erledigen, werden dann also die Früchte ihrer Arbeit ernten können.

Bereits ein Blick auf die Aktienkurse der europäischen Banken im Jahr 2016 verdeutlicht, wie unterschiedlich die einzelnen Banken auf die Zukunft vorbereitet sind. Skandinavische Banken sowie die auf Asien ausgerichteten britischen Bankhäuser HSBC und Standard Chartered heben sich deutlich ab von einer Vielzahl von deutschen Banken (Commerzbank, Deutsche Bank) sowie von italienischen Banken.

 

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(Quelle: Bloomberg, 03.10.2016)

 

Manche Bank, die heute über eine schlechte Jahresrendite verfügt, hat in den letzten Jahren zu viel Dividende ausgeschüttet statt sich Polster für turbulente Zeiten zuzulegen. Die italienischen Banken haben zudem oftmals günstige Kunden- und Zentralbankgelder in hoch verzinsliche, risikolose Staatsanleihen investiert. Mit negativen Verfallsrenditen auch auf kurzläufigen italienischen Anleihen fiel diese Ertragskomponente aus. Darauf sind viele Banken kaum vorbereitet gewesen.

Im dritten Quartal 2016 sieht man zudem, dass die Anleger an gewissen Geschäftsmodellen und deren Veränderung wieder Gefallen finden. Auf einem aufsteigenden Ast befindet sich beispielsweise die Credit Suisse, die (allzu) spät die starke Ausrichtung auf das risikobehaftete Investment Banking herunterfährt und das Schwergewicht auf das Wealth Management verlagern will. Auf der Suche nach einem starken Alleinstellungsmerkmal sind die Raiffeisen Bank International und die Erste Group Bank erfolgreich. Wie keine andere europäische Grossbank fokussieren sie sich auf das ertragsreiche osteuropäische Bankengeschäft – mit einer hohen Präsenz und einer überzeugenden Kundennähe. Auch der ING Gruppe wird wieder Vertrauen geschenkt. Die Abbaupläne beim Personal passen zur Verwandlung des niederländischen Konzerns, der im Direct Banking (ING-DiBa) über eine herausragende Marktstellung verfügt.

 

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(Quelle: Bloomberg, 03.10.2016)

 

Schauen Sie das Interview mit Prof. Dr. Maurice Pedergnana als Video an – gesendet auf SRF am Montag, 3. Oktober 2016, 19.30 Uhr aus der Tagesschau

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