Es wurde erwartet

An der Zuger Messe werden zentrale Aussagen zum Wirtschaftsausblick 2015 vermittelt. Die Börsen vermitteln in jüngster Zeit ein instabiles Bild, aber ist dem wirklich so? Richten wir doch mal den Blick auf das vielenorts kritisierte Europa. Das reale Bruttoinlandprodukt des Euro-Gebietes blieb zwischen dem ersten und dem zweiten Jahresviertel 2014 unverändert, nachdem es zuvor über vier aufeinanderfolgende Quartale hinweg leicht angestiegen war. Die aktuellsten Umfragedaten bestätigen zwar die Abschwächung der konjunkturellen Entwicklung, stehen aber immer noch im Einklang mit einer moderaten Zunahme der wirtschaftlichen Tätigkeiten und Leistungen im zweiten Halbjahr 2014. Mit Blick auf 2015 bleiben die Perspektiven bestehen. Durch die Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar und durch anhaltende Verbesserungen der Finanzierungsbedingungen, durch die Fortschritte in der Haushaltskonsolidierung und bei den Strukturreformen (selbst in Italien!) und durch die niedrigeren, das real verfügbare Einkommen stützende Energiepreise steht Europa vor einer Erholung. Nicht vor einer Rezession, wie der IMF uns prophezeit.

Bei einem Wirtschaftsausblick sind die Risiken stets abwärtsgerichtet, aber Handlungen sollen auch die Chancen, das Aufwärtsgerichtete, einbeziehen. China ist nicht der Topstandort für Innovationen; das sind immer noch gewisse Gebiete in den USA (Ostküste rund um Boston, Westküste rund ums Silicon Valley) und in Europa.

Die letzten zweihundert Jahre lehren uns, wie geschickt europäische Unternehmen sich auch in Krisenzeiten an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen vermögen. Auch heute bleiben sie herausgefordert: mehr Kreativität und Innovationsfreude sind auf allen Märkten gefragt, um wachsende Ansprüche mit begrenzten Mitteln umzusetzen. Fehlender Wirtschaftlichkeit darf die europäische Politik nicht mit Subventionen begegnen. Vielmehr müssen den Jungen Perspektiven in einem wettbewerbsfähigen Unternehmensumfeld geboten werden. Ich halte es für beunruhigend, dass in Deutschland mit einer grossartigen mittelständischen Wirtschaftsstruktur und –kultur die Mehrheit der Studierenden den öffentlichen Dienst als Arbeitgeber besonders attraktiv finden. Eine Wirtschaft, auch eine soziale Marktwirtschaft, lebt nicht nur von der Verwaltung, sondern von erfolgreichem Unternehmertum. Das zeigt sich beispielsweise an der portugiesischen Schuhindustrie. Trotz widriger Umstände hat sie sich aufgerappelt, Jahr für Jahr ihren Output gesteigert und in der oft verschmähten südeuropäischen Peripherie nicht nur Arbeitsplätze erhalten, sondern gar ausgebaut. In jüngster Zeit konnten sogar die Preise leicht angehoben werden.

GrafikQuelle: www.apiccaps.pt/web/guest/estatisticas

Ich wünschte mir für Europa nicht nur bessere ökonomische Prognosen, sondern mehr Innovationskraft der Unternehmen und mehr Risikobereitschaft auch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir leben inmitten von einem tollen Kontinent, der über viele anpassungsfähige mittelständische Unternehmen und eine Vielfalt von unternehmerischen Möglichkeiten verfügt. Letztlich ist erfolgreich, wer sich durch innovative Güter, strebsame Dienst-Leistungen und dem passionierten Erbringen eines nachhaltigen Kundennutzens auszeichnet.

Europa – und nicht etwa China, Russland oder Brasilien – ist auch ein wertvoller Nährboden für wertschöpfende Investitionen. Diese benötigen aber auch Geduld. Nicht alles lässt sich gleich innert weniger Monate in positive Renditen umwandeln. Aber mit dem richtigen Anlagehorizont bietet Europa eine gute Grundlage für wirtschaftliches und gesellschaftliches Wohlergehen – auch für Investoren in Aktien und Anleihen. Deshalb bleibt bis auf Weiteres unsere Übergewichtung von Europa im Aktien- und Anleihenssektor. Daran ändert auch die jüngste Einschätzung des IMF nichts, wonach die Euro-Zone mit einer Wahrscheinlichkeit «von 35 bis 40%» in eine Rezession abgleitet – mit allen Konsequenzen auch für die Schweiz.

Herzlich,

Unterschrift_Maurice
Maurice Pedergnana
Chefökonom und Geschäftsführender Partner

Interesse geweckt?
Lesen Sie weiter – die Kolumne von Prof. Dr. Maurice Pedergnana aus der Neuen Luzerner Zeitung finden Sie hier.
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