Spätestens mit 50 Jahren muss ich an meine eigene Altersvorsorge denken. Die beiden Kinder sind erwachsen, und das Haushaltsbudget lässt wieder mehr Freiräume zu. Was mir die AHV in 30 Jahren abwerfen wird, stimmt mich skeptisch. Und die grosse Umverteilung von Aktiven zu Rentnern in den meisten Pensionskassen lässt mich erahnen, dass die dritte Säule wohl entscheidend sein wird, um meinen Lebensstandard im Alter zu erhalten.
Bei einem anhaltenden Niedrigzinsumfeld kann das Ersparte auf einem Konto nicht wachsen. Der Zinseszinseffekt wird in den nächsten Jahren ausbleiben. Das betrifft aber nicht nur Schweizer, sondern die meisten Europäer. Je mehr Sicht-, Termin- und Spareinlagen man hält, umso gravierender ist die Langzeitwirkung. In Deutschland mischen beispielsweise nicht mal 14 Prozent der Bevölkerung ihrer Vermögensallokation auch Wertpapiere bei. Eine repräsentative Studie des Sparkassen-Verbands belegt, dass knapp die Hälfte der Deutschen «voll und ganz davon überzeugt» ist, dass Anlageformen wie Aktien spekulativ seien.
Der Kerngedanke, mit dem Erwerb von Wertpapieren langfristig am unternehmerischen Erfolg teilzuhaben, scheint in den Hintergrund gerückt zu sein. Dabei verkümmert eine Volkswirtschaft, wenn aus Kapitalmangel gute Ideen nicht weiterverfolgt oder allfällige Investitionen nur teuer finanziert werden können. Deshalb ist es lobenswert, dass die deutsche Sparkassenorganisation in ihrer Kundschaft eine nachhaltige «Wertpapierkultur» fördern will. Denn langfristig haben die Renditen auf Aktienmärkten alle anderen Alternativen stets übertroffen. Die Unterschiede sind umso imposanter, je grösser der Anlagehorizont ist.
Das ist auch für Menschen mit niedrigem Einkommen wichtig. Gerade sie sind darauf angewiesen, auf ihren Sparraten eine attraktive Rendite zu erzielen. Deshalb kommt der «Wertpapierkultur» auch bei uns eine gesellschaftliche Bedeutung zu. Das bedingt aber auch, dass die Wirtschafts- und Finanzbildung schon in den Schulen einen höheren Stellenwert erhalten sollte.
Mit dem Blick auf den Aktienmarkt könnte man gegenwärtig glauben, es lohne sich abseits zu stehen. Doch eine Kultur lässt sich nur aufbauen, wenn man diszipliniert in guten wie in weniger guten Zeiten seine Rate ins Wertpapierdepot investiert und am langfristigen Wirtschaftswachstum partizipiert.
Wir tun gut daran, auch bei schlechten Nachrichten Ruhe zu bewahren, durch allfällige Verlustängste nicht gleich in eine Schockstarre zu geraten und das monatliche Einzahlen zu unterlassen. Wer sich von der angelsächsischen Sicht der europäischen Mentalität beeinflussen lässt, investiert kaum noch in europäische Aktien. Dabei sind manche gerade deshalb verhältnismässig günstig. Die vermittelten Bilder sind ziemlich düster, auch nach dem kürzlichen EZB-Entscheid. Jüngst lautete im englischen Wirtschaftsmagazin «The Economist» das Hauptthema: «That sinking feeling (again)», schon wieder das Gefühl, zu sinken. Mitten in diesem Europa gibt es dennoch zahlreiche Gründe für langfristige Unternehmensbeteiligungen.
Von kurzfristiger Spekulation ist abzuraten. Aber wieso nicht partizipieren am Erfolg zahlreicher Unternehmen, die 2 bis 3 % allein schon an Dividenden mehr ausschütten als man für fünfjährige Staatsanleihen in den entsprechenden Ländern erhält und dabei noch etliches vom Gewinn zurückbehalten, um in die Zukunft zu investieren. Auch deshalb kann der Investor mit einem langfristigen Anlagehorizont selbst bei negativen Wirtschaftsnachrichten ruhig schlafen. Denn es verhält sich bei der disziplinierten Altersvorsorge mit Beteiligungspapieren wie Oscar Wilde schon gesagt hat: Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.
Herzlich,
Maurice Pedergnana Chefökonom und Geschäftsführender Partner
Interesse geweckt? Lesen Sie weiter – die Kolumne von Prof. Dr. Maurice Pedergnana in der Neuen Luzerner Zeitung finden Sie hier.