Das Schuljahr ist bald abgeschlossen, und es werden in diesen Tagen die Zeugnisse verteilt. Erneut stellt sich die Frage, ob gute Noten mit Taschengeld belohnt werden sollen. Manche Eltern lehnen das strikt ab, bei anderen ist eine Leistungsprämie üblich. Eine sehr gute Note (6) wird beispielsweise mit 10 Franken vergütet, eine gute Note (5) mit 5 Franken. Bei manchen zählt die Sport-Note nicht, und bei manchen gibt es für schlechte Bemerkungen bei den Verhaltens-Noten gar einen Abzug. Bei einem tollen Zeugnis können in der Oberstufe schon mal 50 Franken zusammenkommen: Das wird als Belohnung für tolle Schulleistungen betrachtet. Die gute Note ist an sich eine Belohnung, und die schlechte eine Bestrafung. Soll das schlecht benotete Kind nun doppelt bestraft werden? Anderseits gilt es, ein Kind an die Erwachsenenwelt heranzuführen, in der jene mit Erfolg auch höher bezahlt werden. Genau da setzt aber auch die Kritik an. Wir alle kennen viele Ungerechtigkeiten aus der Erwachsenenwelt. Manchenorts zählt die Beziehung mehr als die Leistung, wenn es um den Lohn und den Bonus geht. Auch haben sich gewiss schon viele gefragt, weshalb der Neuankömmling in einem Betrieb mit einem geringeren Leistungsausweis einen höheren Lohn erhält als der loyale, langjährige, sachkundige Mitarbeiter, der nie die Stelle gewechselt hat.
Nicht nur die Erwachsenenwelt, auch die Kinderwelt ist unfair. Sie kann nicht allen Anforderungen gerecht werden, schon gar nicht mit einer auf eine Zahl reduzierten Benotung. Wer eine 5 erhält, soll doch zumindest von den Eltern daran gemessen werden, ob das angesichts der Voraussetzungen, der Fähigkeiten und des Leistungswillens nicht an sich schon eine tolle Note sei. Die gleiche Note kann für den Hochbegabten nicht viel mehr als eine nüchterne Bestätigung dafür sein, dass er ausser dem Schulbesuch (und einigem Schwänzen) wohl nichts gemacht hat. Am individuellen Potenzial gemessen könnte dieser eine lockere 6 erzielen, falls er das brave Lernen von Schulwissen und das korrekte Wiedergeben in einem Prüfungskontext während des abgelaufenen Schuljahres durchgehalten hätte.
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